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VOR ZWEIHUNDERT JAHREN BEGANNEN DIE BAUARBEITEN AN EINEM DER BEDEUTENDSTEN INGENIEURSWERKE DER MENSCHHEIT. DER RIDEAU-KANAL IST EIN EPISCHES BAUWERK. TEXT UND BILDER VON BRUNO CIANCI er Rideau-Kanal ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Entschlossenheit und strategischer Weitsicht des 19. Jahrhunderts in Nordamerika. Dieser 202 Kilometer lange silberne Streifen, der Kanadas Hauptstadt Ottawa mit dem Hafen von Kingston am Ontariosee verbindet und 2007 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist nicht nur eine Wasserstraße: Er ist ein lebendiges Denkmal für die militärische, technische und soziale Geschichte der Region – ein Projekt, das die Gewässer der Region und das Leben derer, die dort zu Hause waren, für immer veränderte. Lange bevor britische Ingenieure mit Schießpulver, Werkzeugen und einem starken Pflichtbewusstsein eintrafen, waren die natürlichen Wasserwege die Lebensader des Volkes der Algonquin-Anishinaabeg. Für sie ist der Ottawa River als Kichi Sìbì bekannt und diente als wichtigste Verkehrsader für ein weitläufiges Gebiet, das durch den Fluss definiert war. Für die Anishinaabeg war der Fluss ein Versammlungsort, an dem sich Familiengruppen zu wichtigen Anlässen trafen, um Kontakte zu pflegen, Waren und Handwerksprodukte zu tauschen sowie über Regierungsangelegenheiten und das tägliche Leben zu diskutieren. Der Eingang zum Rideau-Kanal liegt an der strategischen Schnittstelle der Flüsse Ottawa, Rideau und Gatineau – Wasserstraßen, die die Anishinaabeg seit jeher befahren haben. Ihre spirituelle Verbindung zum Land konzentriert sich auf Orte wie die Chaudière-Wasserfälle, wo noch immer Opfergaben an den Geist von Mutter Natur dargebracht werden. Als die Bauarbeiten begannen, waren indigene Späher unverzichtbar: Sie nutzten traditionelle Portage-Pfade und ihr tiefes Wissen über die Region sowohl zu Lande als auch zu Wasser, um dem leitenden Militäringenieur John By (1779–1836) bei der Vermessung der Route zu helfen. Ähnlich wie beim quasi identischen Caledonian Canal, der die West- und Ostküste Schottlands verbindet (und damit die Strecke zwischen Fort William und Inverness von 350 auf 50 Seemeilen verkürzt), waren militärische Überlegungen und Sicherheitsbedürfnisse der Auslöser für den Bau des Rideau-Kanals. Über ein Jahrhundert lang beruhte Kanadas Wohlstand auf dem Handel, der über den majestätischen Sankt-Lorenz-Strom floss. Der Krieg von 1812 zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten offenbarte jedoch eine potenzielle Schwachstelle: Der St Lawrence bildete die Grenze zu den USA, und daher konnte eine amerikanische Invasion die lebenswichtige britische Versorgungslinie leicht unterbrechen. Um künftige Angriffe abzuwehren, trieb der Herzog von Wellington, dessen Popularität und Ansehen während der napoleonischen Ära enorm waren, das Bauprojekt des RideauKanals entschlossen voran. Das Ziel war, eine Verteidigungslinie und eine Umgehungsroute zu schaffen, um die engen und gefährlicheren Abschnitte des Sankt-Lorenz-Stroms zu umgehen. Diese Aufgabe wurde dem Oberstleutnant John By von den Royal Engineers anvertraut, der 1826 – genau vor 200 Jahren – nach Ontario zog, um eine Wildnis aus Felsen und Sümpfen in einen strategisch wichtigen Korridor zu verwandeln. D Der Schleusenwärter bei den ersten Schleusen in Ottawa // Lock-keeper at the first locks in Ottawa 97

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