Harris, jung und leicht zu beeindrucken, war von dem Traum fasziniert. Als man ihm eine Schatzkarte zeigte, lieh er dem redegewandten Australier 80 Pfund – seinen hart verdienten Lohn als Ladenbauer. Das war das letzte Mal, dass er ihn sah. Der Australier floh nach Kanada und schickte Harris eine Nachricht, in der er ihm das Wrack anstelle einer Rückzahlung vermachte. Vigilance war kein gewöhnliches Wrack. Sie hatte schon damals mehrere Leben hinter sich. 1926 in Brixham gebaut, war sie die Letzte einer aussterbenden Gattung – ein motorloser Segeltrawler, der gerade zu einer Zeit vom Stapel lief, als Dampf und Diesel die Oberhand gewannen. Sie wurde nur elf Jahre lang eingesetzt, bevor sie aus der Mode kam. Ihr Bau hatte 1.000 Pfund gekostet, verkauft wurde sie für 525 Pfund – ein trauriges Spiegelbild der mangelnden Nachfrage nach einsatzfähigen Segelschiffen zu jener Zeit. Sie lag ungenutzt an einem Liegeplatz in Brixham, bis sie sich losriss und während eines Hurrikans schwer beschädigt wurde. Ausgebessert, verbrachte sie die Kriegsjahre als Sperrballonschiff, doch nachdem sie 1949 mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, wurde The Vig, wie sie genannt wird, von Harold Owen gekauft, um seine private Yacht mit Heimathafen in Shoreham zu werden. Dann kam das Feuer. 1952 ereignete sich eine Tragödie, als Owen ertrank und die Vigilance am Tag seiner Einäscherung in stellte der Hafenmeister eine Quittung aus und fügte pointiert hinzu, dass er »keinerlei weitere Verbindung« mehr zu Harris oder dem Schiff haben werde. Harris fand einen Liegeplatz im Schlick, wo er sie zurücklassen konnte – und dort begann er 1957 mit dem Wiederaufbau. In den nächsten 17 Jahren bewegte sich die Vigilance nicht von der Stelle. Durch kalte Winter und lange Sommer arbeitete Harris, oft allein, langsam, hartnäckig, und erweckte das tote Schiff wieder zum Leben. Er hatte keine Werft und fast kein Geld. Harris entwickelte seine eigenen Methoden zur Rettung eines Schiffes, das er sich niemals leisten konnte. Noch nicht einmal, um es zur Reparatur an Land zu ziehen. Was er hatte, war Geduld – und einen fast unmöglichen Anspruch. Wenn Beschläge benötigt wurden, fertigte er sie selbst an – er hämmerte anderthalb Tonnen Eisen von Hand aus. Er formte Holz zu Blöcken und setzte das Schiff Stück für Stück langsam wieder zusammen, als würde er eine Erinnerung wiederaufbauen. Das Deckshaus wurde aus einem Hartholz namens »Ironbark« gefertigt, das aus der Werft in Portsmouth stammte, wo es zuvor als Rollen verwendet worden war. Sie waren zwei Meter lang und hatten einen Durchmesser von 35 Zentimetern; Ken kaufte acht Stück für je 15 Schillinge und erhielt für seine Mühen weitere acht geschenkt. Der Topmast stammte von einem Themse-Lastkahn, der massive Hauptmast kostete 10 Pfund, und der Bugspriet wurde aus einem 15 Meter langen und 40 Zentimeter dicken Pitch-Pine-Stamm geschnitten, den er als Treibgut im Hafen von Cowes gefunden hatte. Brand geriet. Gerüchten zufolge hatte seine Frau das Boot angezündet, um ihre Söhne davon abzuhalten, zur See zu fahren. Der Innenraum wurde zerstört und der Rumpf schwer beschädigt. Für die meisten war sie nicht mehr zu retten. Doch Harris sah keinen Ruin. Er sah eine Zukunft. Mit nichts weiter als einer handschriftlichen Notiz und purer Entschlossenheit machte er seinen Anspruch auf das Schiff geltend. Die Hafenbehörden waren nur allzu froh, sowohl den Mann als auch das Schiff loszuwerden. Mit offensichtlicher Erleichterung 67 weiterlesen
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